Inhorgenta-Talk: Hannes Steim (Junghans-CEO) über die Relevanz klassischer Armbanduhren und das Erlebnis Juwelier

Betritt man die Uhrenhalle A1 der Inhorgenta, fällt sofort die großzügige Ausstellungsfläche von Junghans ins Auge. Zur Ausgabe 2026 präsentierte sich der Schramberger Uhrenhersteller mit einem neu gestalteten Stand – Sinnbild für die aktuelle Zukunftsstrategie der Marke, die eng mit Geschäftsführer Hannes Steim verbunden ist.

Bereits 2009 übernahm die Unternehmerfamilie Steim das traditionsreiche Unternehmen aus Schramberg. Seit 2023 verantwortet Hannes Steim als Geschäftsführer die Geschicke von Junghans. Auf der Inhorgenta sprach er mit Insight Luxury über die Geschichte der Marke, die Faszination klassischer Armbanduhren und die Bedeutung des Fachhandels.

Die klassische Armbanduhr als Gegenentwurf zur digitalen Taktung

Insight Luxury: Seit Jahren wird der klassischen Armbanduhr immer wieder das Ende vorhergesagt – erst durch das Smartphone, später durch die Smartwatch. Dennoch bleibt die Nachfrage hoch, auch bei jungen Menschen. Woran liegt das?

Hannes Steim: Ich glaube, das hat viel mit unserem heutigen, stark durchgetakteten Lebensstil zu tun. Die klassische Uhr ist gewissermaßen der Gegenentwurf dazu. Früher orientierten sich Menschen am Sonnenstand oder an der Kirchturmuhr – heute scheint jede Minute zu zählen.

Gleichzeitig wächst bei vielen der Wunsch nach Work-Life-Balance und nach Momenten, in denen Emotionen und persönliche Werte wichtiger sind als permanente Effizienz. In unserer schnelllebigen, informationsüberladenen Zeit entsteht eine Sehnsucht nach Entschleunigung, Tradition und Dingen mit Geschichte.

Genau das kann eine klassische Armbanduhr bieten. Sie kann Erinnerungen an frühere Generationen wachrufen oder sogar ein echtes Erbstück sein – etwa eine Uhr mit Gravur, die der Vater für jahrzehntelange Betriebszugehörigkeit erhalten hat. So wird eine Uhr auch zu einem Symbol für persönliche Geschichte, Geborgenheit und Innehalten im Alltag.

Junghans-Neuheiten 2026

Technik, Emotion und praktischer Nutzen

IL: Eine Armbanduhr hat aber auch einen praktischen Nutzen.

HS: Natürlich. Sie ist ein Schmuckstück, das gleichzeitig die Zeit anzeigt. Eine mechanische Uhr ist vielleicht nicht so exakt wie die digitale Anzeige auf dem Smartphone – aber genau darin liegt auch ihr Charme.

In einer Welt, in der scheinbar alles optimiert werden muss, strahlt eine mechanische Uhr eine gewisse Gelassenheit aus. Gleichzeitig steckt in ihr auf kleinstem Raum faszinierende Technik. Viele Menschen sind verblüfft, wenn sie zum ersten Mal ein mechanisches Uhrwerk im Detail sehen und beobachten, wie all die kleinen Zahnräder perfekt ineinandergreifen.

Die Funktionsweise ist sichtbar – anders als bei digitalen Geräten. Dieses kleine Wunderwerk kann man jederzeit am Handgelenk tragen und betrachten. Und auch das Sammeln von Uhren ist unkompliziert: Sie benötigen kaum Platz.

Eine klassische Armbanduhr verbindet Emotion, Technik und praktischen Nutzen – und wird damit zur Projektionsfläche für Entschleunigung und persönliche Geschichten.

Hannes Steim

Aquaris von Junghans

IL: Offenbar erreicht das auch jüngere Zielgruppen.

HS: Absolut. Wir beobachten, dass wieder mehr junge Menschen mechanische Uhren nachfragen – vielleicht gerade wegen der Smartwatch, die stark für Optimierung und ständige Erreichbarkeit steht.

Viele haben schlicht genug davon, permanent online und erreichbar zu sein. Gerade wenn man Zeit mit Familie oder Freunden verbringt, möchte man nicht ständig durch Nachrichten, Vibrationssignale oder Schrittzähler gestört werden.

Die klassische Armbanduhr vermittelt dagegen das Gefühl, offline und selbstbestimmt zu sein. Deshalb wird sie auch künftig relevant bleiben – unabhängig davon, ob sie gerade größer oder kleiner, farbiger oder reduzierter gestaltet ist.

1972 Chronoscope Sports Edition in türkis, orange und hellgrün  von Junghans
1972 Chronoscope Sports Edition von Junghans

Neue Impulse für die Marke Junghans

IL: Sie sind seit 2022 Geschäftsführer von Junghans. Welches Fazit ziehen Sie bislang?

HS: Wir haben an vielen Dingen gearbeitet. Unter anderem am Thema Historie. Wir haben ja diese lange und spannende Geschichte. Und es ist meines Erachtens extrem wichtig, sich damit zu beschäftigen – auch mit älteren Modellen. All das ist Inspirationsquelle und dient der Schärfung unserer DNA.

Darüber hinaus haben wir unseren Fokus auf internationale Märkte ausgeweitet, in denen wir vorher nicht so präsent waren. Und wir haben unsere Kollektionen weiterentwickelt und Farbe hineingebracht. Auch technische Entwicklungen haben wir vorangetrieben und abgeschlossen.

IL: Als Sie als Geschäftsführer angetreten sind, wollten Sie Junghans aus der Nische des reduzierten Designs holen, in der es sich die Marke ein wenig bequem gemacht hatte. Ist das Konzept aufgegangen?

HS: Das war tatsächlich ein Lernprozess. Und wir haben gesehen, dass es funktioniert. Natürlich sind wir hier und da auch mal übers Ziel hinausgeschossen, aber insgesamt kommt das neue, sehr sorgfältig überarbeitete Kollektionsportfolio sehr gut an.

Das hat auch dazu geführt, dass wir jetzt ganz anders, moderner wahrgenommen werden. Das ist in Zeiten schwieriger Rahmenbedingungen immens wichtig. Aber der Prozess ist noch nicht abgeschlossen.

Im kommenden Jahr feiern wir 100 Jahre Armbanduhren von Junghans, da wird es neue, spannende Designs geben.

Hannes Steim

IL: Gab es bei Ihren Recherchen zur Geschichte der Marke besondere Entdeckungen?

HS: Viele. Eine besonders spektakuläre Geschichte ereignete sich im vergangenen Jahr. Ein Mann rief mich an und erzählte, sein Vater sei verstorben und habe eine große Junghans-Sammlung hinterlassen.

Als ich ihn besuchte, stand ich im dritten Stock seines Hauses plötzlich vor rund 1.400 Uhren – von Wand- und Standuhren über Taschen- und Borduhren bis zu etwa 650 Armbanduhren, dazu zahlreiche Ersatzteile. Alles perfekt sortiert – und das mitten in Schramberg. Ich war wirklich sprachlos – und das kommt selten vor.

Wir konnten diese Sammlung übernehmen und damit unser Archiv erheblich erweitern. Dabei geht es nicht nur um den Blick zurück in die Vergangenheit. Es geht um die Frage: Wofür steht Junghans – früher, heute und in Zukunft? Solche Funde sind nicht nur historisch spannend, sondern auch eine wertvolle Inspirationsquelle für zukünftige Junghans-Uhren.

IL: Auch im Terrassenbau Museum in Schramberg möchten Sie Vergangenheit und Zukunft zusammenbringen. Als ich Sie Anfang 2024 in Schramberg besucht habe, habe ich dort sehr viele Kuckucksuhren gesehen.

HS: Genau. Denn dort zeigen wir auch die Geschichte der Uhrmacherkunst im Schwarzwald – und dazu gehören natürlich Kuckucksuhren. Aber es findet mittlerweile schon wesentlich mehr Junghans im Terrassenbau statt, den wir als eine Art „Junghans World“ etablieren möchten.

Aktuell läuft beispielsweise die Sonderausstellung „Junghans Armbanduhren – Meilensteine der Uhrengeschichte“. Anlass ist der 100. Geburtstag unserer ersten Armbanduhr im kommenden Jahr.

IL: Wenn man Ihnen so zuhört, bekommt man den Eindruck, dass Ihnen Ihr Job sehr viel Spaß macht.

HS: Ja, ich liebe meinen Job, er macht mir wahnsinnig viel Freude. Wir haben ein sehr emotionales Produkt, das auch Teil der Industriegeschichte Deutschlands ist. Das ist sehr facettenreich und so, als ob Sie ein spannendes Buch lesen, das Sie selbst fortschreiben dürfen.

Der Fachhandel als zentraler Partner

IL: Es geht Ihnen also um die kommenden Kapitel in der Junghans-Geschichte. Welche Herausforderungen werden denn das nächste Kapitel der gesamten Uhrenbranche prägen?

HS: Eine wichtige Frage betrifft den Fachhandel. Viele Juweliere stehen vor einem Nachfolgeproblem, weil es für junge Unternehmer schwierig ist, eine Geschäftsübernahme zu finanzieren.

Zudem haben sich die Erwartungen der Kunden verändert. Der Kauf eines Produkts soll heute ein Erlebnis sein. Hier sind auch wir als Hersteller gefragt, den Juwelier zu unterstützen, damit dieser als Point of Sale für Uhren attraktiv bleibt.

IL: Der Fachhandel spielt für Junghans also eine zentrale Rolle?

HS: Richtig. Natürlich kann man Uhren online kaufen. Aber es ist enorm wichtig, eine Uhr am Handgelenk auszuprobieren. Zwei Modelle mit gleichem Durchmesser können je nach Gehäuseform oder Bandanstoß völlig unterschiedlich wirken und ein ganz anderes Tragegefühl vermitteln.

Deshalb rate ich immer: Gehen Sie zum Juwelier und probieren Sie die Uhr an. Oft reicht schon ein anderes Armband, und eine vermeintliche Herrenuhr passt plötzlich perfekt ans Damenhandgelenk. Außerdem kann der Juwelier die Technik erklären und Bedienungsfehler vermeiden helfen.

Kurz gesagt: Für uns ist der Fachhandel ein zentraler Partner – nur wenn er stark ist, sind wir es auch.

Hannes Steim

Erlebnis und Service als entscheidender Mehrwert

IL: Wie kann der Juwelier auch künftig für den Endverbraucher relevant bleiben?

HS: Entscheidend sind Fachwissen, Service und Erlebnis. Ein gutes Sortiment und geschultes Personal, das sowohl die technische als auch die emotionale Seite einer Uhr vermitteln kann, sind enorm wichtig.

Ein schönes Beispiel: Ein italienischer Händler schrieb uns kürzlich per WhatsApp, weil er für einen Kunden ein Armband für eine ältere Funkuhr suchte. Wir fanden tatsächlich noch eines in unserem Lager und brachten es ihm zur Inhorgenta mit.

Der Händler schickte seinem Kunden Fotos vom Band, aber auch von unseren Messe-Neuheiten – und dieser kaufte daraufhin gleich vier Junghans-Uhren. Genau das zeigt, dass der Mehrwert eines persönlichen Services, den so nur der Fachhandel bieten kann, sich positiv auf Begehrlichkeit und Verkauf auswirkt.

IL: Welche Rolle spielt die B2B-Messe Inhorgenta für Junghans?

HS: Sie ist für uns eine sehr wichtige Messe, und die Uhrenhalle A1 entwickelt sich positiv. Hier treffen wir unsere Juweliere, führen Gespräche mit unseren Kunden und tauschen Erfahrungen mit internationalen Besuchern aus. Alles sehr vertraulich und in einer entspannten Atmosphäre.

Deshalb sehe ich eine Öffnung der Messe für Endverbraucher eher kritisch. Wenn gleichzeitig Konsumenten am Stand stehen würden, wären viele dieser vertraulichen Gespräche deutlich schwieriger.

junghans.de

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