Kolumne: Blick in die Uhrenhalle A1 der Inhorgenta 2026 – Chapeau!

Die Zeiten für die Uhren- und Schmuckbranche sind durchwachsen. Entsprechend verhalten waren die Erwartungen vieler Aussteller im Vorfeld der Messe. Weniger Fachhändler als erhofft hatten Termine vereinbart. Und dann setzte am Vortag der Inhorgenta 2026 auch noch starker Schneefall ein und der Flugverkehr an mehreren deutschen Flughäfen geriet ins Stocken.

Doch erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt. Die Inhorgenta 2026 empfing vom 20. bis 23. Februar fast genauso viele Besucher wie im Vorjahr – lediglich genau 51 weniger waren es. Angesichts eines unsicheren Marktumfelds und des kurzzeitigen Wintereinbruchs zum Messeauftakt ist dies ein echter Erfolg. Chapeau, Inhorgenta 2026! Und so konnte man in viele zufriedene und erleichterte Gesichter an den Messeständen blicken.

Eingangsbereich West der Messe München während der Inhorgenta

Scheinbar war aber hier und da die Besuchszeit verkürzt und vermeintlich effizienter gestaltet worden. Denn man kommt nicht umhin anzumerken, dass trotz der über 25.000 Besucher nicht jede Halle zu jeder Zeit gut gefüllt wirkte. Vor allem die sonst verlässlich frequentierte Halle B1 (Fine & High Jewelry) überraschte phasenweise mit erstaunlich luftigen Gängen.

In der Uhrenhalle A1 hingegen herrschte – abgesehen vom traditionell schlecht besuchten Montag – meist gute Stimmung und reges Treiben. Letzteres ließ leider merklich zum hinteren Teil der Halle nach. Schade! Denn dort wurde reichlich Spannendes für Augen und Ohren geboten.

Uhrenhalle A1 auf der Inhorgenta 2026: von vorne bis hinten lohnenswert

Hatte man die Watch Boutique mit renommierten Marken wie Tutima Glashütte, Mühle-Glashütte, MeisterSinger, Eberhard & Co., Ebel, Doxa, Favre-Leuba und Alexander Shorokhoff rechts vom Mittelgang im Herzen der Uhrenhalle sowie den Salon Suisse mit 13 unabhängigen Schweizer Marken linker Hand passiert, ging die Frequenz nach dem Stand der Fossil Group deutlich zurück.

Selbst schuld, möchte man denen, die es nicht so weit geschafft haben, zurufen. Denn hier traf man beispielsweise im French Pavilion auf etablierte französische Marken wie Yema und Herbelin, aber auch auf Neulinge wie Depancel oder wiederbelebte Labels wie Kelton.

Ein paar Meter weiter konnte man dann im FHH Cultural Space in die lebendige Welt der Uhrmacherei eintauchen und beim Perlieren, Schleifen oder gar beim Zerlegen und Zusammensetzen eines Uhrwerks selbst Hand anlegen. Ferner präsentierten sich hier Piaget, Oris und Bovet auf entspannte und nahbare Weise – anders als auf der Watches & Wonders in Genf, wo vieles doch wesentlich formeller und elitärer abläuft.

Ob Design, Technik, Einzelhandel oder internationales Geschäft – es tut sich viel in der Uhrenwelt. Und so gab es auf der Watch-Talks-Bühne – ganz am Ende der Halle A1 – viel zu besprechen. Hier gaben sich CEOs, Uhrenexperten und Sammler ein Stelldichein, berichteten, erklärten und diskutierten über Innovationen, Neuheiten, Strategien und Konsumgewohnheiten. Leider allzu selten vor einem größeren Publikum.

An mangelnder Relevanz der Themen lag es nicht – das lässt sich aus eigener Erfahrung sagen. Und wie es sicher auch die Zugriffszahlen der mitgeschnittenen Videos, die demnächst auf dem YouTube-Kanal der Inhorgenta veröffentlicht werden, belegen dürften.

Vielleicht liegt es an der Prioritätenliste des typischen Fachbesuchers: Termine mit Lieferanten stehen ganz oben, das Rahmenprogramm ist Kür. Und wer nicht zufällig vorbeikommt, kommt womöglich gar nicht.

Uhrenhalle A1: Gewusst wie und wo

Traf das zu, dann war auch richtig viel los an den Ständen. Vor allem bei den Ausstellern, die echte Neuheiten zu bieten hatten und trotz durchwachsener Zeiten alles andere als durchwachsene Kreativität bewiesen. Aber ja, es gab auch – wie jedes Jahr – verwaiste Stände. Weitaus ärgerlicher war es meines Erachtens hingegen, dass man bei mir völlig unbekannten Marken vereinzelt Uhren entdeckte, die ihre Inspirationsquellen überdeutlich zitierten. Solche Ausreißer tun einer ansonsten anspruchsvoll kuratierten Halle nicht gut.

Und ewig grüßt das Murmeltier – die Frage nach der Publikumsöffnung

Wir halten fest: Die Inhorgenta und ihre Aussteller bieten ausreichend Input aller Art, um sich an den vier Messetagen nicht zu langweilen und hoch inspiriert wieder nach Hause zu fahren. Das könnte doch auch Nicht-Branchenangehörigen gefallen.

Bleibt die große, immer wiederkehrende Frage: Soll sich die Inhorgenta für das Publikum öffnen?

Argumente gibt es auf beiden Seiten – und kaum jemanden ohne Meinung. Eine Öffnung würde den Charakter des Branchentreffs grundlegend verändern. Vielleicht bereichern. Vielleicht verwässern. Sicher aber wäre sie unumkehrbar.

Daraus folgt: Ein Publikumskonzept für die Inhorgenta muss gleich beim ersten Mal der große Wurf sein, um auch Gegner und Skeptiker zu überzeugen und nicht als Aussteller zu verlieren. Sorgfältiges und ergebnisoffenes Abwägen ist daher das Gebot der Stunde. Denn beide Seiten haben gute Argumente.

Pro & Contra Publikumsöffnung

Da ist einerseits der vertrauensvolle Austausch mit Kunden, aber auch mit dem Mitbewerber auf der anderen Gangseite, das unkomplizierte Netzwerken der Händler untereinander. Und das alles, ohne Gefahr zu laufen, dass der Endkunde mithört. Auch die Sicherheit der Ware am Stand will gewährleistet sein, was bei einer Publikumsöffnung für viele Aussteller kostspielige Umbauten nach sich ziehen würde.

Die Befürworter haben ebenso gute Argumente. Die Möglichkeit, sich dem Endverbraucher als Marke unmittelbar zu präsentieren, ist eine große Chance – vom Direktverkauf soll hier keine Rede sein. Insgesamt könnte das Thema Uhren und Schmuck wieder stärker ins Bewusstsein der Verbraucher und auf deren Wunschliste rücken. Ein weiterer Pluspunkt wäre eine stärkere mediale Aufmerksamkeit über die üblichen Branchenmedien hinaus. Mehr Sichtbarkeit, mehr Öffentlichkeit, mehr Relevanz.

Diesen beiden Positionen gilt es gerecht zu werden. Keine einfache Aufgabe für die Messeverantwortlichen. Zwischen vielen Optionen heißt es, die zündende und wasserdichte Idee zu finden:

von der Öffnung aller Hallen an allen Tagen bis zu einem spektakulären Event mit Publikum auf dem Messegelände abseits der belegten Hallen unter Einbeziehung der Award-Verleihung. Auch die Bandbreite weiterer Möglichkeiten ist groß: selektive Hallenöffnungen Hallen, gezielte Einladungen durch einzelne Aussteller, Gruppenführungen usw. Auch der bei vielen Ausstellern unbeliebte Montag, an dem man oft spätestens ab Mittag unter sich ist, böte das Potenzial, ihn durch die Zulassung von Uhren- und Schmuckliebhabern aufzuwerten.

„Nun sag, wie hast du’s mit der Publikumsöffnung?“ – Goethes Faust I lässt grüßen. Spätestens am 19. Februar 2027 wird sich zeigen, wohin die Reise geht. Dann öffnet die Inhorgenta erneut ihre Tore.

inhorgenta.com

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